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Faschingsmuffel brauchen keine fünfte Jahreszeit

Berliner sind das beste an Fasching

Der eine liebt sie über alles, der andere hasst sie aus tiefsten Herzen heraus – die Faschingszeit. Und dabei ist es völlig egal, ob nun Karneval, Fastnacht oder Fasnet dazu gesagt wird.

Egal ob Faschingsmuffel oder Faschingsfan - als Eltern kommt man wohl um eines nicht herum: den Kinderfasching. Verkleidungsschlachten beim alljährlichen Kinderfasching in der Kita, im Kindergarten oder in der Schule. Gespickt mit Berlinern, Pfannkuchen, Krapfen, Kräppel... Auch hier schwingt der eine freudig mit, während der andere schweigend in der Ecke steht und zum Trost Fastnachtsküchle vernascht. Wenigstens das.

Dafür rennt jedes Kind begeistert durch die Gegend und lebt sein Schauspieltalent im fantasievollen Kostüm lautstark aus.

Hmm. Wirklich jedes Kind?

Verkleiden ist für alle Kinder das Größte? Von wegen!

Wenn ich so zurückblicke und mich an meine Faschingszeit als Kind zurück erinnere, dann kann ich klar sagen: „Nein, nicht jedes Kind ist begeistert und mag es, sich zu verkleiden!“                             
Soweit ich mich erinnern kann, mochte ich das Verkleiden an Fasching nie besonders. Ich kam mir in meinen Kostümen immer reichlich albern vor und habe mich nie besonders wohl in meiner kostümierten Haut gefühlt.
Ob das schon als Kleinkind so war, kann ich nicht genau sagen. An das Fasching feiern in der Kita kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern. Den Faschingsfotos von damals zu urteilen, hatte ich wohl Spaß. Als Drei- oder Vierjährige zog ich im Kindergarten als Marienkäfer oder Glücksklee los. Ich meine, dass ich mich auf die Faschingsparty im Kindergarten immer gefreut habe. Je größer ich wurde, desto mehr zog sich meine Begeisterung für das närrische Treiben zurück. 

Warum ich bis heute keine Faschingsgranate bin (und vermutlich nie werde ;-))

1. Ich bin vom Wesen einfach nicht der Typ, der es liebt sich (albern) zu verkleiden. Es liegt nicht in meinem Naturell. Ich mag keinen Fasching und will mich nicht verkleiden.

2. Der unausgesprochenen Zwang, beim Kinderfasching immer ein Kostüm tragen zu müssen. „Alle sind verkleidet und deshalb hast Du jetzt auch Spaß daran“. Die gute Miene zum nervigen Spiel.

3. Die nicht vorhandenen Schneiderkünste meiner Mutter (sorry Mama) und ihrem Hang dazu, mir Kostüme einzureden die meist nur ihr gefielen.


Faschingsfan oder Faschingsmuffel – eine Sache der Gene? 

Was das anbelangt, so glaube ich tatsächlich, dass es auch ein Stück Veranlagung ist, ob jemand Spaß an der Verkleidung hat oder nicht. Ich kann das sehr gut an meinen beiden Söhnen sehen.

Der Große ist bis zum Alter von fünf Jahren nie kostümiert zum Fasching gegangen. Wir haben ihm als Dreikäsehoch in der Kita mal einen harmlosen Fledermaus-Umhang mitgegeben, für den Fall, dass er doch Gefallen daran findet. Den hätte selbst ich mir umgebunden. Nichts zu machen. Es war ihm völlig egal ob alle Kinder verkleidet waren oder nicht. Er wollte sich das Teil nicht überstülpen lassen. Für das Kindergartenteam war es zum Glück völlig in Ordnung und er konnte ab da bei jedem Fasching ohne Kostüm erscheinen. Später kam er ganz von selbst zu uns und verlangte plötzlich ein Feuerwehrmann-Kostüm.

Beim Kinderfasching in der Grundschule mochte er es weiterhin lieber bescheiden, eher unauffällig und nicht zu übertrieben: Tigerkostüm (aber bitte ohne Bemalung), Polizist oder Rennfahrer waren seine Favoriten. Typische Faschingskostüme für Jungs eben. Jetzt, mit elf Jahren ist es wieder vorbei. Mein Sohn mag sich nicht mehr verkleiden und das ist völlig in Ordnung.

faschingsfan


Der Jüngere ist das komplette Gegenteil und liebt es, in verschiedene Kostüme zu hüpfen. Dabei hat er die unterschiedlichsten Ideen, was er gerne sein möchte: Pirat, Seeräuber, Eichhörnchen, Gespenst, Ungeheuer, Indianer mit Pfeil und Bogen, Gruselmonster, Superman, Drache, Maulwurf, Handwerker und, und, und… Ihm ist es darüber hinaus wichtig, dass die Kostüme nach dem Fasching nicht im Keller verschwinden. Sie sollen griffbereit in seinem Schrank hängen.
Oft ist es so, dass er mitten im Spiel mit verschmitzter Miene in seinem Zimmer verschwindet. Es klappert, raschelt und poltert. Keine fünf Minuten später steht der Zwerg komplett verkleidet vor einem. Die Kostüme mussten auch schon zur Übernachtung mit zur Oma. Er lief den halben Tag in seiner Verkleidung herum und hat sich des Lebens gefreut.

So unterschiedlich kann es sein.

 

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Der latente Zwang, sich zu einem bestimmten Termin verkleiden zu müssen 

Ich konnte die riesige Euphorie vor dem Fasching nie ganz teilen. Mir fehlte komplett das Interesse daran und ich glaube, dass ich deshalb auch kaum selber Ideen zum Verkleiden entwickelte. Ich wäre am allerliebsten ohne Kostüm gegangen, aber das ging ja nicht. Insgeheim fand ich die Vorstellung, eine Prinzessin zu sein, immer ganz schön. In meiner Fantasie hatte ich ein richtiges Rauschekleid an und ein standesgemäßes Diadem auf dem Kopf.

Oder Indianer, ich war nämlich großer Winnetou-Fan. Das waren die einzigen Figuren, in die ich hätte schlüpfen wollen. Hätte ich jedoch die Wahl dazu gehabt, auch ohne Kostüm an der Party teilzunehmen, ich hätte mich dankend dafür entschieden. Ach ja, Gespenst war auch noch ein leiser Favorit – Bettlaken, zwei Aussparungen für die Augen, fertig. Ein Kostüm, wie verlangt. Niemand erkennt mich und ich kann quasi unsichtbar die Kinder-Faschingsparty genießen – das wäre ganz in meinem Sinne gewesen.

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Es gibt schöne Faschingskostüme und es gibt „Selfmade by Mama“

Statt als Prinzessin über das Faschingsparkett zu schweben oder mich als Winnetou auf der Faschingsfeier wohl zu fühlen, hatte meine Mutter stets die „besseren“ Ideen: „Der gestiefelte Kater ist doch toll“, oder „du kannst als Clown gehen, du magst doch Clowns so gerne“. Ohne lange zu diskutieren machte sie sich an die Arbeit. Unsere Kinderkostüme hat sie meist selbst gemacht und war darauf mächtig stolz, wie sie mir später berichtete.
kinderkostueme-selbst-gemacht

Eine ihrer „grandiosesten“ Ideen war, dass sie mich als Würfel zum Schulfasching schickte. Mein ganz persönliches Faschingstrauma und gleichzeitig das Ende meiner Kostümierungskarriere.

Zunächst fand ich die Idee ein Würfel zu sein, gar nicht so schlecht. Nur gingen meine Vorstellungen von einem Würfel-Kostüm und die meiner Mutter ziemlich weit auseinander. In Gedanken sah ich mich mit einem großen, würfelähnlichen Korpus auf der Schul-Faschingsparty erscheinen. Mit Aussparungen für Arme und Beine, bunt bemalt, dazu ein kleiner Hut in Würfelform – fertig! Das wird der Hammer, dachte ich!

Stattdessen stürmte ich den ungeliebten Kinderfasching in der Schule mit dem wohl lächerlichsten Kostüm aller Zeiten:

  • Beigefarbener, sehr eng anliegender Selastik-Rollkragen-Pullover
    Selastik, eine Chemiefaser – man sagte damals im Volksmund: der Stoff aus dem die Albträume waren.
    Ich hasste nicht nur den Stoff, der sich stets elektrisch auflud, auch alles Enganliegende und vor allem
    lästige Rollkragenpullis waren ein absoluter Graus für mich
  • Auf dem Rollkragenpullover waren in unsystematischen Abständen (man könnte auch sagen: kreuz und
    quer, ohne Sinn und Verstand) farbige Vierecke mit Punkten angenäht, welche symbolisch für den Würfel
    standen
  • Dazu ein quietsch-roter Filzrock (ich hasste zu diesem Zeitpunkt auch Röcke über alles und Rot gehört
    noch heute nicht unbedingt zu meinen Lieblingsfarben), der ebenfalls ein paar dieser furchtbaren,
    selbstgebastelten Würfel-Aufnäher verpasst bekam

Und das war noch lange nicht alles:

  • Zu allem Überfluss zauberte meine Mutter dann auch noch eine sehr dicke, kratzige Wollstrumpfhose in
    beige hervor (ich muss meine Abneigung gegenüber viel zu warmen Wollstrumpfhosen nicht extra betonen)
  • Den krönenden Abschluss bildete ein schwarzer Zylinder mit weißem Gummiband (damit das Hütchen auch
    ja auf dem Kopf bleibt), der ebenfalls mit Würfeln beklebt war
  • Ach, die geschminkten Würfel auf meinen Wangen nicht zu vergessen – die setzten dem ganzen Drama
    noch die Krone auf

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In diesem Kostüm steckte wirklich nichts, was ich mochte. Eine Verkleidung, die du nur deinem Feind andrehst! Ich fragte mich später des Öfteren, ob meine Mutter mir irgendetwas heimzuzahlen hatte. ;-)

Gott, ich weiß es noch als wäre es gestern gewesen, wie entsetzt ich war, als ich „das Würfel-Kostüm“ zu sehen bekam. Ich bin glatt in Tränen ausgebrochen. Meine Mutter konnte meine Enttäuschung überhaupt nicht nachvollziehen. Sie war sehr stolz auf ihre Arbeit und es stand auch nicht zur Debatte, ob ich das Teil jetzt anziehen möchte oder nicht.

„Es ist Fasching und du gehst als Würfel! Andere Kinder würden sich über ein so tolles, selbstgeschneidertes Kostüm freuen!“ Oh wie ich diesen Spruch liebte…

Noch nie habe ich mich so unwohl gefühlt wie auf diesem Faschingsfest in der Turnhalle meiner Grundschule. Ich hatte das Gefühl, der Lacher der Nation zu sein. In Wahrheit hat zum Glück niemand gelacht. Zumindest habe ich es nicht mitbekommen. Aber es kam doch des Öfteren die Frage, als was ich denn gehen würde. In diesen Momenten wusste ich nicht, was besser war:
Ein Kostüm zu tragen, dass niemand zu deuten wusste oder ein echter Faschings-Lacher zu sein.

Schlimmer geht es nicht? Oh doch! 

Auf die Frage, was ich denn darstellen würde wisperte ich leise und verstohlen: „Ich bin ein Würfel!“
Jeder kann sich die fragenden Blicke meiner Mitschüler vorstellen und ich meine erkannt zu haben, dass manch einer echtes Mitleid mit mir und meinem Aufzug hatte.

Als ob das nicht schon Schmach genug gewesen wäre zog meine beste Freundin mit ihrem, wie immer sehr originellem Kostüm, alle Blicke und die ganze Aufmerksamkeit der Faschings-Schar auf sich.

Sie kam als alte Oma verkleidet. Soweit, so unspektakulär. Die Details machten das Besondere. Mit original Rüschen-Schlafhaube ihrer Urgroßmutter, grauer Perücke, Nickelbrille, Oma-Schürze, einem uralten Krückstock und mit was weiß ich noch alles an passenden Utensilien, stahl sie als Oma Else (Else war tatsächlich der Name ihrer Oma) allen die Show.


bestes-faschingskostuem

 

Sie sah wirklich schräg aus und im Gegenteil zu mir, hatte sie mega Spaß an der Kostümierung und setzte ihre Figur dementsprechend in Szene. Am Ende wurde ihre Verkleidung auch noch zum besten Kostüm gewählt. Ich war so froh, dass nicht auch noch die Wahl zum schlechtesten Kostüm anstand. Diese unsinnige Gemeinheit gab es ja manchmal auch an Fasching. Meine Chancen auf das Treppchen wären außerordentlich gut gewesen. Niemand, aber auch wirklich niemand konnte mir in Punkto Peinlichkeit das Wasser reichen! (Ich hatte diesbezüglich sehr genau die Lage gecheckt.)

Für den Triumpf meiner lieben Freundin konnte ich mich beim besten Willen nicht freuen. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, heitere Miene zum verhassten Spiel zu machen. Ich wollte nur eins – das dieser Faschingszirkus schnellstens vorbei ist und ich endlich aus dieser oberpeinlichen Verkleidung steigen kann. Den albernen Rock und die furchtbare Strumpfhose habe ich noch während der Feier gegen meine geliebte Jeanshose getauscht. Ich war so erleichtert und fühlte mich wieder einigermaßen als Mensch.

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An diesem Tag beschloss ich, mich nie wieder gegen meinen Willen zu verkleiden. Zur nächsten Faschingsparty musste definitiv eine Krankheit her, damit mir der ganze Zamper erspart blieb. :-)

Was bleibt, ist die Abneigung gegen jede Art von Kostümen 

Auch als Teenie oder junge Erwachsene konnte ich dem ganzen Kult um das Verkleiden nichts abgewinnen. Ich liebte die Fastnacht in meinem Heimatdorf, aber das übliche Verkleiden? Nein danke! Ein altes Jackett und ein in die Jahre gekommener, abgenutzter Cowboyhut waren für mich das höchste der Gefühle und Verkleidung genug – mehr brauchte ich nicht.

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Bis heute mache ich um Faschingsfeiern einen großen Bogen! Weniger ist mehr - ich bleibe lieber ich selbst! Das Verkleiden überlasse ich gerne denen, die wirklich Spaß daran haben.

Ich bewundere originelle und ausgefallene Kostüme, erfreue mich daran und bin gleichzeitig froh, wenn der Kelch mit der Verkleidung an mir vorüberzieht.

In diesem Sinne, ein fröhliches Helau und Alaaf! Habt Spaß beim Feiern, ob mit oder ohne Kostüm! Ich ziehe mich mit meinem Berliner zurück und schaue dem Treiben mit gebührendem Abstand zu.

liebe-gruesse-2H e i k e  A d e l s b a c h


PS: Übrigens, heute lachen wir gemeinsam mit meiner Mutter über mein ganz persönliches Faschingstrauma. Sie ist allerdings immer noch der Meinung, dass es ein ganz hinreißendes Faschingskostüm war und keinesfalls peinlich. In dem Punkt werden wir uns wohl nie einig. ;-)